veröffentlicht am 10.12.1996
Gesamtspielzeit: 65:55
Aufgenommen 1935 in London/England und Riga/Lettland
Restauriert und gemastert 1996 von MISIAK Mastering,
Hamburg
Uwe Sauerwein in der „Berliner Morgenpost“ vom 30.12.1996:
Tango und Foxtrott als heiße Ware
Erinnerungen an Pjotr Leschenko, den König der
russischen Salonmusik
Es war in jenen frühen Zwanzigern, als der Berliner Bezirk Charlottenburg
im Volksmund noch „Charlottengrad“ hieß. Im „Tari Bari“, einem der zahllosen
Nachtclubs der in Berlin so massenhaft vertretenen Exil-Russen, trat ein junger
Mann auf, der auf seiner Tournee von Paris nach Ägypten, Palästina,
Persien und die Türkei auch an der Spree Station machte. Nur wenigen war
der Name des Sängers und Gitarristen geläufig. Doch kurze Zeit später,
in Riga, sollte Pjotr Konstantinowitsch, genannt Pierre Leschenko, der Durchbruch
zu Weltruhm gelingen.
Noch heute ist der „König des russischen Tango“ in der gesamten ehemaligen
Sowjetunion ein Begriff. Bis in die fünfziger Jahre war kein russischer Sänger
so beliebt wie Leschenko, obwohl in Rußland keine einzige Platte von ihm
veröffentlicht wurde. Der 1898 in einem Dorf bei Odessa geborene Interpret,
der eigentlich Tänzer werden wollte, galt den roten Machthabern mit seiner
Salonmusik als Bourgeois, ja mitunter als Staatsfeind.
Auch deshalb lebte Pjotr Leschenko immer außerhalb der Sowjetunion: Zuerst
in Bessarabien, das damals zu Rumänien gehörte, danach in Paris, dann
in der Heimat seiner lettischen Frau, der Tänzerin Zinaida, später in
Bukarest. Gefeierte Tourneen führten ihn in die meisten europäischen
Länder.
Auf Umwegen kehrt der herzzerreißende Sänger nun nach Charlottenburg
zurück. Im „Canzone“, dem Plattenladen für Weltmusik am Savignyplatz,
taucht kurz nach der Wende ein junger Russe auf. Im Gepäck jene Scheiben,
die in seiner Heimat als Schmuggelgut oder auch als Schwarzpressung, auf ausgedienten
Röntgenplatten, heimlich reißenden Absatz fanden. Die Betreiber des
Ladens sind begeistert. Eine zweite Lieferung der „heißen Ware“ Salonmusik
wird unter obskuren Umständen im Zug Moskau-Amsterdam übergeben. Schließlich
betreibt das „Canzone“ noch einen eigenen kleinen Plattenverlag...
„Pjotr Leschenko - 1935“ lautet der orthographisch streitbare Titel der CD, erschienen
auf dem Label Oriente, die 21 wunderbar abgemischte Stücke frisch und lebendig
auch dem HiFi-verwöhnten Ohr näherbringt. Lieder eines einzigen Jahrgangs,
welche mit Tangos argentinischer Machart, mit flottem Foxtrott und eingehenden
Zigeunerromanzen die stilistische Bandbreite, die eindringliche Interpretation
und die Kunst des geschmackvollen Arrangements jenes Mannes verdeutlicht, dem
das Schicksal so übel mitspielte.
1935 war zugleich das Jahr, in dem Lestschenko in Bukarest jenes Nachtlokal einrichtete,
das als „Maxim des Ostens“ von Anhängern aus ganz Europa besucht wurde. Als
im August 1944 die Rote Armee in der rumänischen Hauptstadt einrückte,
gab Lestschenko Tag für Tag Konzerte ohne Gage in Truppenunterkünften
und Lazaretten. Der Kommandant der Sowjetarmee, General Bulganin, wurde Förderer
des Sängers, bevor ihn Stalin absetzte. Lestschenkos Lokal wurde geschlossen,
er selbst schließlich von der Bühne herab verhaftet. Am 16. Juli 1954
starb der Sänger in einem Lagerlazarett nahe Bukarest. Die Berliner CD, der
im neuen Jahr eine weitere mit Liedern von 1931 folgen soll, ist ein kleines Stück
musikalische Wiedergutmachung an einem großen Künstler.