FOLKER 1/2004

Neapel lebt - bunt, schrill, laut, kraftvoll, lieblich. Chronist dieser unbändigen Lebensfreude und der Leiden der Stadt ist Roberto de Simone. In den 60er-Jahren gründete er die Nuova Compagnia di Canto Popolare, mit der er die Musiktradition Süditaliens revitalisierte. Daneben schrieb er Opern, mittelalterliche Mysterienspiele, war Jazzpianist und gründete Anfang der 80er Jahre das Media Aetas Teatro, eine Musiktheatertruppe, deren Werk stilistisch kaum Grenzen gesetzt sind. In seinem jüngsten Album, "Li turchi viaggiano", verbindet das 19-köpfige Ensemble die neapolitanische Folk-Tradition mit mittelalterlichen Elementen, Madrigalgesängen, Neuer Musik, Avantgarde und Jazz. Zentraler Bestandteil der CD ist das zehnminütige Titelstück, das alle diese Einflüsse vereint, doch immer den Geist Neapels atmet. Die Türken haben Süditalien immer wieder in Angst versetzt, die Dörfer geplündert, aber auch ihre Mythen und Kultur weitergegeben. Diese nicht immer einfache, aber umso spannendere, nie dem Zeitgeist verpflichtete und trotzdem aktuell klingende CD bringt uns dem kulturellen Schmelztiegel Neapel näher. Sie lässt uns in den musikalischen Kosmos des siebzigjährigen Roberto de Simone eintauchen, einem der faszinierendsten Komponisten Italiens unserer Zeit. Bleibt noch zu vermerken, dass Media Aetas die Ideen des Meisters mit ihren Stimmen, Saiten-, Blas- und Perkussionsinstrumenten kongenial umsetzen. Ein Meisterwerk. Neapel lebt.

Martin Steiner


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Früher war alles besser, zumindest einfacher. Da brauchten CD-Verkäufer die Platten des Berliner "Oriente"-Labels nur alphabetisch geordnet ins Weltmusik-Regal zu stellen - von A wie der libanesischen Sängerin Asmahan bis zu Robert Zollitsch, der mit seinem Zitherspiel das bayrische Hochgebirge und die zentralasiatische Steppe zu einem Landschaftsbild vereinigt. Sogar Kroke passte noch bis zur Jahrtausendwende in dieses Regal, ehe das Trio aus Krakau mit seinem kommerziellen Erfolg an der Seite von Nigel Kennedy diesen Rahmen zu sprengen drohte.
Was Roberto de Simone und sein Ensemble Media Aetas aber jetzt auf Oriente veröffentlicht haben, das passt auf keine schallplattenhandelsübliche Kuhhaut. Na ja, die ersten Töne klingen wie Gitarren-Folk aus Süditalien. Nein, jetzt kommen geschliffen scharf arrangierte Bläser-Riffs - also ab in die Jazz-Kiste, wo sie wegen Mangels an Bluenotes aber auch nicht lange verweilen dürfen. Nach einer weiteren halben Minute Abhörzeit stiften akademisch geschulte Stimmen endgültig stilistisch nicht mehr auflösbare Verwirrung, denn einfach hinaufbefördern ins Klassik-Regal - das geht auch nicht, weil sich die CD auch noch als folkloristisch tänzerisch unterhaltungswertvoll entpuppt. Dermaßen schwer hatte nicht einmal Mikis Theodorakis es den Tonträger-Händlern und -Archivaren gemacht.
Als Kompromiss bietet sich an: "Ethno". Schließlich ist der Komponist, Theatermacher und Volksmundbelauscher Roberto De Simone im normalen Leben Ethnologe. Und außerdem wurde auf dem Anmeldebogen der Tantiemenverwertungsgesellschaft für diese CD bei zehn Titeln der Name "Traditional" als Komponist angegeben. De Simone firmiert nur bei drei Tracks als Autor, ansonsten als Arrangeur.
Ethno-Pop vom Ethnologen - das klingt politisch und kommerziell vertrauenswürdig ..... bis dann De Simone und sein temperamentvoll aufspielendes Ensemble die italienische Nationalhymne durch den Kakao und die engen Gassen von Neapel ziehen. Manch ein Deutscher kann diese Tifosi-Lieblingsweise nicht mehr ertragen, weil er sie zu oft aus dem Munde grölender Ferraristi - dirgiert von Michael Schumacher - gehört hat. Aber wenn der bekennende Berlusconi-Kritiker Roberto De Simone seine Sänger und Musiker diese Melodie zu einer commediadellartistischen Marsch-Groteske umfunktionieren lässt, dann dürfen wir auch nördlich der Alpen zur Polonaise rund um den Küchentisch antreten.

Winfried Dulisch